107 GAST BEI LOOS UND WERFEL Erst diese verlässliche Verbindung zur Reichshauptstadt ließ die legendären »Wiener Alpen« entstehen. Per Zug war man mit der Metropole verbunden – und doch glücklich sm Berg. Bis in die Architektur-Theorie wirkte die Sommerfrische des Wiener Bürgertums nach: Adolf Loos’ Schrift »Vom Bauen im Gebirg« enthält nämlich nicht nur den Kernsatz »Baue nicht malerisch«. Dass man mit einem Sommersitz nicht mit der Schönheit der Natur konkurrieren soll, kann jeder Wanderer am Kreuzberg erkennen: Das »Landhaus Khuner« am Kreuzberg ist dank der Anstrengungen von Hanna Sehn und Norbert Steiner bis zum gewaltigen Panoramafenster original erhalten. Lediglich ein paar Schritte oder Pedaltritte weiter wartet aber erneut der Zauber der Fin-de-Siécle-Kultur. Denn eigentlich wollte Gustav Mahler ebenfalls im RaxGebiet Erholung finden. In seine geplante Villa in Breitenstein zogen aber dann erst seine »Nachfolger« bei Femme fatale Alma Mahler ein. Sie selbst hielt sich oft hier auf, doch letztlich gab ihr Mann Franz Werfel im Volksmund der »Werfel-Villa« seinen Namen. »Fast unerträgliche Concentration« habe er abseits der Stadt hier erfahren, vertraute Franz Werfel bei einem Spaziergang 1922 dem Rax-Fan Arthur Schnitzler an. Egal, wie man 100 Jahre später den Tag in und um Reichenau verbracht hat, es fehlt also nie an Geschichten, wenn man sich nach dem Abendessen im »Knappenhof« an der Bar trifft. Bei einem alpin-kühlen Gin & Tonic gilt auch noch 115 Jahre später, was die »Wiener Blätter« anlässlich der Hoteleröffnung 1908 in der Kleinau festhielten: »Die Gäste unterhielten sich bis spät in die Nacht hinein.« Baukunst. Das Landhaus Khuner sollte nicht der Natur Konkurrenz machen, so Adolf Loos’ Prämisse. Heute genießen Wanderer das Architekturjuwel am Kreuzberg. < Nach über drei Jahrzehnten weht seit der Saison 2022 ein neuer Wind bei den Festspielen Reichenau: Maria Happel übernahm die künstlerische Leitung in der Nachfolge des Gründer-Ehepaars Peter und Renate Loidolt. Die Burgschauspielerin verbindet eine lange Geschichte mit dem Kurort: 2005 eröffnete Happels Inszenierung »Jacobowsky und der Oberst« die Erweiterung des historischen Theaters – den Neuen Spielraum. Dort wird von 1. Juli bis 6. August 2023 u. a. Molières Komödie »Tartuffe« mit NestroyPreisträger Stefan Jürgens in der Titelrolle gegeben. Für das große Haus wurde Joseph Roths letzter Roman »Die Kapuzinergruft« von Nicolaus Hagg für die Bühne adaptiert. Spannende Abende versprechen auch Maria Happels Gespräche namens »Frauen-Zimmer«, in denen sie Kolleginnen wie Caroline Peters, Brigitte Kren, Stefanie Reinsperger und Sona MacDonald zum Gespräch bittet. Programm & Karten: festspiele-reichenau.at SOMMERFRISCHE SPIELE Theater in Reichenau Intendantin. Maria Happel ist die künstlerische Leiterin der Festspiele Reichenau.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjYzODc=